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Wie Kalle Klabauter einen Haufen linker Socken findet
Geschrieben von Andreas Hemminger   

Eines Tages kam Kalle Klabauter nach Feuerland, wo die Leute wohnen, denen die Haare im Dunkeln leuchten wie Kerzenflammen. Aber er wunderte sich, denn die Feuerländer waren alle ganz still und traurig und ihre Haare leuchteten überhaupt nicht.

„Was ist los mit euch?“, fragte Kalle und die Feuerländer klagten: „Was sollen wir bloß machen? Uns ist so kalt, wir frieren uns das ganze Feuer aus den Haaren!“ Und tatsächlich hatten sie alle ganz blaue Lippen und ganz rote Nasen vor lauter Kälte. Und Schnupfen hatten sie außerdem.

„Dann zieht euch doch warm an“, rief Kalle und zeigte ihnen seinen Seeräuberkapitänsschal aus Lamawolle. „Das ist es ja“, erwiderten die Feuerländer, „wir haben nicht genug Socken, um uns warm anzuziehen! Wir haben nur noch rechte Socken, die linken sind alle weg!“

„Na, das ist aber sehr merkwürdig“, dachte sich Kalle Klabauter und machte sich auf die Suche nach den linken Socken der Feuerländer. Feuerland ist zum Glück nicht sehr groß. Es dauerte also nicht lange, da hatte er den Eingang zu einer Höhle gefunden und in diesem Eingang lag (das war eine untrügliche Spur) eine einzelne, grünblau gestreifte Wollsocke.

Kalle Klabauter ging in die Höhle hinein, immer weiter hinein und immer tiefer hinab. Als es schon sehr ungemütlich wurde und das Wasser von den Tropfsteinen in seinen Jackenkragen tropfte, so dass es ihm selber schon ganz fröstelig zumute war, nach einer ganzen, langen Weile also, kam er schließlich an das Ende: einen Raum aus Stein mit Bildern an den Wänden, auf denen Wolken und Vögel zu sehen waren und auf einem sogar das Meer. In der Mitte dieses Raumes war eine Art Bett aufgebaut und darauf lag ein dicker weißer Maulwurf mit einer rosa Schnauze.

„Hallo“, sagte Kalle und lüpfte den Seeräuberkapitänshut, „Mein Name ist Kalle. Wer bist denn du?“

„Ich bin der weiße Maulwurf unter dem Berg“, antwortete der weiße Maulwurf. „Ich bin der Sohn des Raben und der Wolke. Von meinem Vater habe ich die Augen geerbt und von meiner Mutter das Fell.“ Wirklich hatte er Augen, so blank und rund wie ein Paar Knöpfe und sein Körper war weiß und weich und flauschig – ganz wie eine Wolke.

Und er lag, Kalle konnte es deutlich sehen, auf einem Berg von Socken!

„Wieso hast du denn die ganzen Socken geklaut?“, fragte Kalle.

„Weil mir kalt ist, du Dummkopf! Ich kann schon gar nicht mehr schlafen vor lauter Frieren!“

„Dann warte, weißer Maulwurf, ich habe eine Idee.“

Kalle Klabauter lief zurück zu seinem Schiff und kramte aus der Wäschetruhe das Ersatzfederbett hervor. Das war eigentlich für Gäste bestimmt, aber jetzt brachte er es dem weißen Maulwurf in seiner Höhle. Und der war vielleicht begeistert! Er schlüpfte gleich unter die Decke, so tief, dass nur noch die Nasenspitze hervorguckte, dann seufzte er wohlig und schlief mit leisem Schnarchen ein.

Wenig später hatte Kalle Klabauter den Feuerländern ihre linken Socken wieder zurück gebracht. Die freuten sich natürlich wie die Schneekönige (wenn ihr nicht wisst, wie sich Schneekönige freuen: Sie freuen sich ganz unglaublich. Vor allem, wenn es schneit). Die Feuerländer zogen also die Schuhe aus und wackelten mit den blaugefrorenen Zehen. „Schnell die Socken her!“, lachten sie und als Kalle Klabauter mit seinem Schiff aus dem Feuerländer Hafen segelte, winkten sie ihm zum Abschied nach. Er konnte deutlich sehen, dass ihnen schon wärmer wurde: Ihre Haare fingen wieder an zu leuchten, erst schwach, dann aber immer mehr, bis die ganze Hafenmole gleißte vor feuerländischer Haarglanzpracht.

So kam es, dass Kalle Klabauter, der jüngste Seeräuberkapitän der Welt, einen Haufen linker Socken fand.